h IHL

Héctor Majul: Ein Mexikaner sorgt in der Italian Hockey League für Furore. © Social Media / Hockey Como

Ein Exot verblüfft Italiens Eishockey: „Sie halten mich für verrückt“

Er stammt aus Mexico City, hat einst bei den Großeltern eines NHL-Superstars gelebt, wurde auf dramatische Weise aus den USA verbannt, stand bei einer Trainerlegende aus der Schweiz auf dem Wunschzettel und sorgt nun in Italien für verblüffte Mienen. Héctor Tufik Majul Villasenor ist alles, nur nicht gewöhnlich. Von einem Mexikaner, der einen exotischen Eishockey-Traum lebt.

Von:
Thomas Debelyak

Wie stellt man sich einen mexikanischen Eishockeyspieler vor? Das ist eine Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Das Urlaubsparadies in Mittelamerika ist ja eher nicht dafür bekannt, eine Hochburg der bibbernden Kälte und der prachtvollen Eispaläste zu sein. Mit ein bisschen Fantasie lässt sich aber sagen: Schnell und wendig wird er wohl sein. Vielleicht nicht der typisch-nordländische 100-Kilo-Brocken, mit dem man Bandenduelle lieber vermeidet, sondern eher ein bissiger und furchtloser Wirbler, der mit einem ordentlichen Tupfer Temperament und einem gehörigen Klecks an technischer Finesse versehen ist. Und der mit seinem leicht entflammbaren Gemüt auch bei den „Großen“ im eisigen Oval anecken kann.


Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, könnte man auch einfach einen Trip nach Como machen. Im Nobelort an der Grenze zur Schweiz gibt es einen traditionsreichen Eishockeyklub, dessen glorreichen Jahre zwar schon etwas zurückliegen, der aber den exotischsten Spieler der ganzen Liga in seinen Reihen hat: Héctor Tufik Majul Villasenor, kurz genannt Héctor Majul. Ebendieser stammt aus Mexico City und ist beim Verein der Italian Hockey League, also der zweithöchsten Spielklasse Italiens, der beste Mann am Eis.

Ein Eishockey-Missionar als Wegweiser

„Ja, es ist schon eine lustige Story“, sagt der 27-Jährige zu Beginn des Telefongesprächs in seinem gut geschulten Englisch. In der folgenden Stunde liefert er eine Erzählung ab, die abenteuerlicher nicht sein könnte. Und nach der klar wird: Die Karriere von Héctor Majul ist alles, nur nicht normal.

Hat auch vor Bandenduellen keine Angst: Héctor Majul. © Hockey Como / Social Media


Die Geschichte von Majul beginnt in Mexico City. Dort wächst er als Sohn einer Mittelschicht-Familie auf. Seine Leidenschaft als kleiner Bub ist jene wie von tausenden anderen, nämlich der Fußball. Und der Traum ebenso: Einmal ein Profi zu werden. Doch schon früh entdeckt der Lockenschopf mit südländischem Teint ein anderes Hobby, das ihn fasziniert. „Nur wenige Meter neben unserer Wohnung befindet sich eine der wenigen Eishallen in Mexiko. Meine Schwester war eine Eiskunstläuferin, ich habe sie deshalb oft beobachtet. Manchmal absolvierte auch die Eishockeymannschaft ein Training. Das gefiel mir so gut, dass ich mit sechs Jahren selbst aufs Eis ging und mit dem Eishockey begann.“
„Für mich war klar: Ich will der erste mexikanische Eishockeyprofi in der NHL werden.“ Hector Majul

Zu jener Zeit trat eine Person in Majuls Leben, die für ihn noch wegweisend werden sollte, nämlich Boris Dorozhenko. Der ukrainische Ex-Profi war in Mexiko sozusagen ein Eishockey-Missionar und zwischenzeitlich als Direktor des Verbandes tätig. Und: Er erkannte früh das Talent des Jungspunds. Weil sich der Traum vom Fußballprofi wegen einer komplizierten Knieverletzung bald zerschlug, setzte Héctor alles auf die Karte Eishockey. „Boris sagte, dass ich Talent habe. Gleichzeitig betonte er aber auch: Wenn ich es als Eishockeyspieler schaffen will, muss ich in die USA.“

Er wohnte bei den Großeltern eines NHL-Stars

Dieser Satz beschäftigte Héctor Majul zu jener Zeit Tag und Nacht. Er grübelte nachts im Bett, er machte sich Gedanken während der Schulstunden, er überlegte beim Mittagessen mit der Familie. Als sein Mentor Dorozhenko dann in Arizona eine Stelle als Trainer ergatterte und dem damals 13-jährigen Hector anbot, mitzukommen, packte Majul schließlich seine Sachen und brach in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf. „Für mich war klar: Ich will der erste mexikanische Eishockeyprofi in der NHL werden“, erinnert sich der heute 27-Jährige.

Héctor Majul (rechts) und NHL-Superstar Auston Matthews: Die beiden sind Kumpels.


Er spielte in Phoenix (Arizona), Philadelphia (Pennsylvania), in Milton bei Boston (Massachusetts), ging zur Schule, später aufs College und wohnte zwischenzeitlich auch bei den Großeltern des jetzigen NHL-Stars Auston Matthews, den er in Arizona kennengelernt hatte und den er nach wie vor zu seinen Freunden zählt. Alles lief also perfekt, bis der 22. August 2017 kam und alles veränderte.

Der Tag, an dem eine Welt zusammenbrach

Schwül war es an jenem Tag, fast schon unangenehm. Das Quecksilber im Thermometer kuschelte hingebungsvoll mit der 30-Grad-Marke und auf dem Flughafen in Houston in Texas herrschte wieder einmal Hochbetrieb. Auch Héctor Majul war an jenem Tag dort. Nach einem Kurzbesuch bei seiner Familie in Mexiko befand er sich auf der Rückreise in die USA, nach Boston, um dort wieder ans College gehen zu können. So fröhlich seine Laune am Morgen noch war, so konsterniert war sie am Ende jenes Tages: Ausweisung aus den USA, Einreisesperre bis 2022, der Traum vom großen Profitum – geplatzt.
„Ich bin ein Opfer von Donald Trumps Einreiseregeln geworden.“ Hector Majul

Was genau passierte, das ist nicht restlos geklärt. Majul beschreibt es so: „Der Grenzwärter fragte mich, warum ich einreisen will, und fasste meine Antwort so auf, dass ich in die USA gehen will, um dort zu arbeiten. Ich würde einem Amerikaner also einen Arbeitsplatz wegnehmen. Dabei wollte ich nur weiter studieren und Eishockey spielen. Zu jener Zeit war Donald Trump an die Macht gekommen und hat die Einreiseregeln verschärft, ich glaube, ich bin auch Opfer davon geworden.“ Die Grenzpolizei gab in einem Statement gegenüber der New York Times dazumal an, dass sich Majul in Widersprüche verstrickte, als er zu seiner Einreise in die USA befragt wurde. Am Ergebnis ließ sich jedenfalls nichts mehr ändern: Dem jungen Mexikaner wurde das Visum entzogen. „Von einem Tag auf den anderen brach für mich eine Welt zusammen“, graut es das Eishockey-Talent auch heute noch vor diesem Tag.

Auch in Mexikos Nationalmannschaft trumpfte Majul des Öfteren auf.


Klein beigeben, ja sogar aufgeben, war für Majul dennoch nie eine Option. Diese Mentalität macht er auch in der laufenden Saison recht gut deutlich. Obwohl er erst nach einigen Spielen zur Mannschaft gestoßen ist und auch noch von einer Verletzung ausgebremst wurde, ließ er sich nicht unterkriegen und lief in den letzten Wochen zur absoluten Hochform auf. 21 Spiele, 21 Tore, 18 Assists – das sind im Schnitt fast zwei Punkte pro Match und ein beeindruckender Wert. „Er ist unser bester Mann“, schätzt sich auch Comos Präsident Luca Ambrosoli glücklich. Majul brachte seinen Kampfgeist aber auch nach der Verbannung aus den USA zum Ausdruck.

Und plötzlich wollte ihn Trainerlegende Arno Del Curto

Der Mexikaner, der bei Weltmeisterschaften mit seinem Nationalteam diverse Male als bester Stürmer des Turniers ausgezeichnet wurde, wollte irgendwann nicht mehr mit seinem Schicksal hadern. „Warum sollte ich mir von einem Grenzwärter meinen Traum zerstören lassen?“, fragt er auch jetzt – viele Jahre nach dem Ereignis – trotzig. Der Ausweg hieß Europa. Durch seinen Mentor Boris Dorozhenko durfte Majul in der Schweiz vorspielen, bei keinem Geringeren als den Rekordmeister HC Davos, den zu jener Zeit Trainerlegende Arno Del Curto unter seinen Fittichen hatte.
„Auch mit der Hilfe eines Anwalts war nichts zu machen.“ Hector Majul

Der Eishockey-Exot überzeugte im einwöchigen Trainingscamp zur Überraschung vieler, weshalb ihn der Top-Klub engagieren wollte. Hauptsächlich sollte er bei Farmteam Ticino Rockets in der zweiten Liga spielen, aber auch die Tür zur National League war zumindest einen Spalt weit offen. Der Vertrag war also aufgesetzt, die Rahmenbedingen geschaffen, die Unterschrift schon fast gekritzelt. Doch diese Story war zu schön, um wahr zu sein. „Weil ich bisher nur am College gespielt hatte und als Amateur galt, durfte ich laut Verbandsstatuten keinen Vertrag als Import-Spieler unterschreiben. Trotz der Hilfe eines Anwalts war nichts zu machen“, erzählt Majul.

In Como gelandet – mit einem großen Traum

Seine Eishockey-Odyssee ging also weiter und führte ihn in die erste litauische Liga (2018/19), dann erstmals nach Como (wo er von einem Davos-Trainer empfohlen worden war), weiter in die dritte finnische Liga (wo er in der Saison 2020/21 wegen eines Corona-Chaos jedoch nur acht Spiele absolvierte) und heuer schließlich wieder zurück nach Como, wo er aktuell die mit Abstand beste Saison seiner Karriere spielt. Zurzeit kämpft er mit seinem Team gegen Fiemme ums Halbfinale. Gut möglich, dass er im nächsten Jahr in der Alps Hockey League zu sehen sein wird – oder vielleicht noch höher?

Im Vorjahr spielte Héctor Majul beim finnischen Drittligisten Pyry. © privat


Eine kuriose Geschichte jedenfalls, die Héctor Majul zu erzählen hat. Eine gewisse Tollheit braucht es als exotischer Eishockeyspieler eben auch, dessen ist sich der Mexikaner bewusst. „Ich will es nach wie vor in die NHL schaffen und dort zumindest ein Match spielen. Dann wäre ich der erste Mexikaner, der das schafft“, meint Majul, der mit einem verschmitzten Lächeln anfügt: „Ich weiß, sie halten mich für verrückt. Aber ich habe diesen Traum nach wie vor.“

Empfehlungen

Kommentare (0)

Bestätigen Sie den Aktivierungslink in unserer E-Mail, um Ihr Konto zu verifizieren und Kommentare zu schreiben.
Aktivierungslink erneut senden
Vervollständigen Sie Ihre Daten: Die Eingabe von Adresse, Ort, PLZ & Telefon ist verpflichtend, um einen Kommentar absenden zu können.
Profil bearbeiten

Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen.

© 2022 First Avenue GmbH