
Er steht sinnbildlich für den HC Pustertal: JC Lipon. © Iwan Foppa / HC Pustertal
Der Mann mit blutigem Gesicht: So tickt Pustertals Badboy
Fünf Playoff-Spiele, fünf Siege: Der HC Pustertal ist in der ICE Hockey League nicht zu stoppen. Ein Crack blüht in der Postseason so richtig auf – und sorgt mit blutüberströmtem Gesicht, aber auch einer ergreifenden Story für Aufsehen.
31. März 2026

Von:
Thomas Debelyak
Es gibt sie, diese ikonischen Sportfotos, die man gar nicht sehen muss, um sie klar vor Augen zu haben. Diego Maradona und sein Treffer mit der Hand Gottes ist eines davon. Der über seinen geschlagenen Gegner gebeugte und wild jubelnde Muhammad Ali ein anderes. Wenn der HC Falkensteiner Pustertal in einigen Wochen auf seine märchenhafte Saison zurückblicken wird, dann gibt es ebenfalls ein Foto, das bereits jetzt ikonische Ausmaße angenommen hat. Der Hauptdarsteller im Schnappschuss von Wölfe-Fotograf Iwan Foppa: JC Lipon.
Pustertals Badboy, Pustertals Mann fürs Grobe, Pustertals neuer Liebling vieler Fans, krachte in der zweiten Verlängerung des entscheidenden Viertelfinals gegen Red Bull Salzburg mit Schwergewicht Dennis Robertson zusammen. Dabei zog sich Lipon einen tiefen Cut über dem linken Auge zu. Mit blutverschmiertem Gesicht rannte er vom Eis, ließ sich von den Ärzten vier Stiche setzen („für mehr blieb keine Zeit“) und kehrte in den Ring zurück. Ein Bild, das die Mentalität, die Leidensfähigkeit, den Willen der Wölfe besser beschreibt, als es eine Buchstaben-Kombination je könnte.
„Ich bin selbst etwas erschrocken, als ich das gesehen habe.“ JC Lipon
„Ich muss ehrlich sein: Als ich mir die Wunde tags darauf etwas näher angeschaut habe, bin ich leicht erschrocken. Es war nämlich verdammt nahe am Auge“, sagt Lipon im Gespräch mit SportNews – und lächelt dabei schelmisch. „Das ist Eishockey, das sind die Playoffs, das ist die schönste Zeit des Jahres“, schiebt er hinterher. Ebenfalls schelmisch lächelnd.
Einst hatte er ein anderes großes Hobby
Härte, Furchtlosigkeit, Kampfgeist. Es sind das die Attribute, für die der HC Pustertal den Stürmer im Sommer von den Straubing Tigers losgeeist und ins eigene Boot geholt hat. Es sind das die Attribute, die Lipon sein ganzes Hockeyleben ausgezeichnet haben. Und die Attribute, die ihn bis in den Eishockey-Olymp, sprich in die NHL, gebracht haben, wo der Kanadier für die Winnipeg Jets neun Partien absolviert hat.Ein Bild aus vergangenen Tagen: JC Lipon als Wakeboarder.
Dabei war es früher gar nicht so klar, dass Lipon mal eine Profikarriere im Eishockey einschlagen würde. In Kindheits- und Jugendtagen war der Mann aus Regina in Zentralkanada nämlich nicht nur ein begeisterter Puckkünstler, sondern auch ein talentierter Wakeboarder. Das ist eine actionreiche Wassersportart, bei der man auf einem Brett stehend über das Wasser gezogen wird, über Wellen gleitet und in der Luft Tricks ausführt. „In meiner Altersklasse habe ich mal den kanadischen Titel gewonnen und bin bei der Weltmeisterschaft auf Rang 8 gelandet“, so Lipon.
Tragischer Verlust des Cousins
Am Ende schlug das Herz aber doch fürs Eishockey. Und hier dauerte es nicht lange, bis Lipon sein erstes großes Highlight erlebte. 2013 durfte er als einziger noch nicht gedrafteter Spieler mit Kanadas U20-Team zur Weltmeisterschaft. Im russischen Ufa war JC der 13. Stürmer – und wechselte sich in seiner Rolle mit einem gewissen Nathan MacKinnon ab. Dieser war damals noch ein ungeschliffener Rohdiamant, heute zählt der Angreifer der Colorado Avalanche zu den Besten der Welt.18. Jänner 2016: JC Lipon (rechts) gibt mit den Winnipeg Jets sein NHL-Debüt. © GETTY IMAGES NORTH AMERICA / MARIANNE HELM
Dass Lipon zu dem Spieler geworden ist, der er heute ist, hat auch einen traurigen Grund. „Ich war 15 Jahre alt, da ist mein Cousin Todd Davison nach einer Krebserkrankung gestorben. Er war ebenfalls Eishockeyspieler, ein sehr guter noch dazu. Körperlich zwar nicht der Größte, spielte er dennoch sehr hart und kompromisslos. Ich habe immer zu ihm aufgeschaut. Nach seinem frühen Tod wusste ich, dass ich noch viel härter und ernster arbeiten muss.“ Lipon erklärt, dass sich der Kreis wenige Jahre später in gewisser Weise geschlossen habe. „Cousin Todd stammte aus Winnipeg, und ich wurde von jenem Verein gedraftet. Damals lebte ich dann bei Onkel Bob und Tante Michelle, die mich wie einen Sohn behandelt haben.“
Schon mehr als 100 Boxkämpfe
Lange Zeit trug Lipon in Gedanken an seinen verstorbenen Cousin dessen Nummer 34. So auch in seinen ersten Profijahren, in denen der Pusterer Stürmer bei seinen Gegnern gefürchtet war. So brachte es der Kufenkünstler in einer Saison in der American Hockey League auf sage und schreibe 163 Strafminuten. „Zu jener Zeit hatte ich pro Saison zwischen zehn und 15 Boxkämpfe“, so Lipon, der nach der nächsten Frage kurz überlegen und rechnen muss, ehe er mit einem leisen Lachen antwortet: „In meinem ganzen Leben war ich in mehr als 100 Faustkämpfen verwickelt. Wie viele ich gewonnen habe, weiß ich nicht. Ich habe aber immer versucht, mir einen Big Guy vorzuknöpfen, dann ist es nicht so schlimm, wenn man als Erster am Boden ist.“JC Lipon ist auch stolzer Vater des kleinen Colt Jameson.
Es ist genau dieser Mut, diese Furchtlosigkeit, dieser Touch an Spitzbübigkeit, die Lipon und seinen HCP auszeichnen. Am Sonntag sind die Wölfe mit einem Sieg ins Halbfinale gegen Olimpija Ljubljana gestartet, am Dienstag (ab 19.15 Uhr/SportNews-Liveticker) soll in Slowenien der zweite Triumph folgen. Und vielleicht, vielleicht wird Lipons Foto mit blutüberströmtem Gesicht am Ende doch nur auf Platz 2 der ikonischsten Bilder landen. Ein Schnappschuss mit der Karl-Nedwed-Trophäe in der Hand – das wäre wohl nicht zu toppen.
ICE Hockey League, Halbfinale 2 (Best-of-Seven)
Dienstag, 19.15 UhrOlimpija Ljubljana – HC Pustertal
Stand in der Serie: 0:1
Fehervar AV19 – Graz99ers
Stand in der Serie: 0:1
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