
Die Mailänder Fans sorgten für einzigartige Stimmung, aber auch für schlimme Krawalle. © MHC
Laut, wild, Mailand: Ein Erlebnis zwischen Ekstase und Eskalation
Ohrenbetäubender Lärm, kulinarische Leckereien, frenetische Euphorie und leider auch Fangewalt – Mailand ist zurück auf der Eishockeylandkarte! SportNews war vor Ort und liefert nach dem viel diskutierten Klassiker gegen Bozen einen Erlebnisbericht: So war es wirklich.
12. Oktober 2026

Von:
Alexander Foppa
„Benvenuti in Italia, benvenuti in Italia!“ röhrte es aus tausenden Kehlen, als die Südtiroler Eishockeyfans am Sonntagnachmittag den Gästesektor des Mailänder Eisstadions betraten. Eine Begrüßung, die in den Eishallen im Stiefelstaat landauf, landab lange zur feinen Gepflogenheit gehörte, wenn der HC Bozen oder einer seiner Südtiroler Nachbarvereine zu Gast war. So war es früher, und so ist es auch heute wieder. Denn der HC Mailand – pardon, der Milano HC, wie er nun heißt – ist zurück! Und mit ihm ein Verein, der nicht nur das italienische Eishockey bereichert, sondern die gesamte ICE Hockey League.
Ein Beleg gefällig? Das erste große Saisonhighlight der Mailänder, das Aufeinandertreffen mit dem ewigen Rivalen aus Bozen am gestrigen Sonntag (hier der Spielbericht). SportNews wurde vor Ort von Christof Leitner empfangen, dem Sterzinger Klubboss des Milano HC. In bester Laune und mit unverkennbarem Stolz lud er zur spontanen Stadionführung. Das war rund zwei Stunden bevor die Mailänder Ultras die sarkastischen Willkommensgrüße durch die Halle grölten. Von angespannter Rivalität war zu dem Zeitpunkt noch keine Spur. Nicht nur Leitner, sondern auch die übrigen Mitarbeiter begrüßten die Gäste offen und gewährten Einblicke in ihre Arbeitsbereiche.
Mailand-Präsident Christof Leitner in seinem Wohnzimmer, der Fiera Ice Arena in Rho. © SN
„Die Leute hier sind glücklich, den Eishockeysport wieder erleben zu dürfen, fühlen zu dürfen“, strahlt Leitner. So wie der Südtiroler Unternehmer waren schon viele der Mitarbeiter bei Olympia hier tätig, wie etwa die Rittner Sportmanagerin Doris Lintner oder Giorgio Prando, der für Marketing und Kommunikation zuständig ist. Apropos Marketing: Dieses schlägt in Mailand voll ein. Der Verkaufsstand der Merchandising-Produkte wurde später nach Öffnung der Stadiontore regelrecht gestürmt, auf den Tribünen gab es kaum einen Fan, der kein Kleidungsstück mit dem markanten Milano-Logo trug.
Auffallend jedoch auch: Während Leitners Führung unter den Stahlrohrtribünen hindurch, rein in die Spielerkabinen und raus in den großzügigen VIP-Bereich im Messegelände, wurde er immer wieder von Sicherheitspersonal angesprochen. Mitarbeiter der Quästur, der Spezialeinheit DIGOS, selbst die mitgereisten Ordnungskräfte aus Bozen – alle versicherten dem Präsidenten: Hier läuft heute alles glatt.
So eine Stimmung gab es in der ICE noch nie
Was zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen konnte: Weit draußen vor den Stadiontoren sollte es nach Spielende doch noch zu den befürchteten Krawallen kommen. Wie es in der Vergangenheit schon so oft der Fall war, als Mailand und Bozen aufeinandertrafen. Die Fanbusse aus Südtirol wurden bei ihrer Abreise von Mailänder Chaoten angegriffen.„Eishockey ist Show und Unterhaltung“ Christof Leitner, Präsident Milano HC
Leitner kennt sie, die Mailänder Problemfans. „Wir haben vor Saisonbeginn mit ihnen Klartext gesprochen. Wir wollen keine Randale! Eishockey ist Show und Unterhaltung für Familien. Nur so können wir in dieser Großstadt wieder Fuß fassen.“ Leitners Konzept scheint – zumindest im Inneren der Arena und somit in seinem eigenen Kompetenzbereich – voll aufzugehen. Hier drinnen sorgen friedlich feiernde und singende Fans für einen permanenten Ausbruch auf der Dezibelskala, wie es ihn in der ICE Hockey League noch nie gegeben hat. Es war ohrenbetäubend, was sich während des Duells Mailand gegen Bozen auf den Rängen abspielte.
Lange Schlangen soweit das Auge reicht
Dabei ist die Fiera Ice Arena ein Provisorium, aus dem Boden gestampft binnen drei Monaten. Dort, wo im Sommer die Sonne noch auf einen Asphaltparkplatz und eine Teichanlage knallte, steht jetzt eine riesige, runtergekühlte Membrankonstruktion, getragen von dicken Stahlträgern. Vom „Eishockey im Festzelt“, wie es aus dem Umfeld österreichischer Klubs, die dem Mailand-Projekt kritisch gegenüberstehen, zu vernehmen war, ist keine Spur. Im Gegenteil: Es ist beeindruckend, was hier geschaffen wurde. Binnen kurzer Zeit – so wie es vermutlich nur Mailand hinbekommt. Man denke zurück an Olympia 2026.Der Andrang am improvisierten Fanshop war riesig. © SN
Natürlich klappte auch beim zweiten Heimspiel am Sonntag noch nicht alles einwandfrei. Der Bereich der Gästemannschaft weist noch kleinere Mängel auf. Um vom Eis dorthin zu gelangen, mussten die Bozner Spieler direkt unter der Mailänder Fankurve hindurch, von oben hagelte es wüste Beschimpfungen, es tropfte Bier von den Rängen herab. Sanitäranlagen gibt es (noch) viel zu wenige, vor den Toiletten reihten sich die Zuschauer dutzende Meter lang. Unter den Tribünen herrschte dichtes Gedränge.
Aperol Spritz für Eishockeyfans
Entschädigend dafür durften sich die Besucher während der Pausen auf einer kleinen Fanmeile im Außenbereich der Arena verköstigen, Getränkestände, ein Aperol-Kiosk und Foodtrucks luden zum Verweilen ein. Auch das gibt es in der Liga sonst nirgendwo. Es passt ins Konzept von Christof Leitner, der den Besuchern ein Erlebnis bieten will. Am Ende unseres Stadionrundgangs sagte er: „Hier gibt es noch viel zu tun. Aber ich hoffe, ihr könnt diesen Abend genießen und euch davon überzeugen, dass Eishockey in Mailand schon jetzt eine Attraktion ist.“ Das taten wir in den darauffolgenden Stunden – und mit uns knapp 4.000 Fans, denen in der Tat ein wahres Erlebnis geboten wurde.Profil bearbeiten
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