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GS Excelsior (in hellblau) ist bekannt als die Mannschaft, die immer verliert. © Alle Fotos: det

Das ist Südtirols außergewöhnlichste Fußball-Mannschaft

„Träumt mit uns“: Das ist der Slogan, mit dem GS Excelsior vor dem letzten Meisterschaftsspiel seine Fans mobilisiert. Dieser „Traum“ des 3.-Amateurliga-Klubs ist aber nicht etwa der Aufstieg in die nächsthöhere Liga, sondern das Erreichen des vorletzten Tabellenplatzes. Zu Besuch bei einem Verein, der in Südtirol und in Italien einzigartig ist.

Von:
Thomas Debelyak

Kurz musste man sich um das Wohlergehen von Erik Rodriguez Sorgen machen. Aber nur kurz. Denn plötzlich lugte sein Kopf wieder hervor aus dieser menschgewordenen Jubeltraube, die sich – vor Freude kreischend und schreiend – über seinem Körper aufgetürmt hat.


Für einen Mai-Tag ist es am vergangenen Sonntag unnormal heiß in Bozen, auf dem Reschenplatz an den Pforten der Hauptstadt fühlt es sich ob des Kunstrasens schon fast tropisch an. Und trotzdem hatte es besagter Rodriguez in der Schlussphase dieses Fußballspiels noch einmal fertiggebracht, einen Sprint nach vorne zu machen. Sich im Strafraum gewieft von seinem Gegner zu lösen. Und die Hereingabe halb im Fallen, halb aus der Drehung im Tor unterzubringen. Es war der Treffer zum 3:3, der seinem Team einen Punkt sicherte. Und nach dem er in einer Jubelmenge kurzzeitig verschwunden war.

GS Excelsior ist eine etwas andere Fußball-Mannschaft.


Dass Fußballer nach einem späten Ausgleichstor in frenetisches Freudengeheul verfallen, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Im Falle von Erik Rodriguez aber schon. Er spielt nämlich für das Team GS Excelsior, den etwas anderen Fußballklub aus Bozen. „Weißt du“, sagt der aus Mittelamerika stammende Erik nach dem Spiel in brüchigem italienisch, dafür aber mit einem Lächeln im Gesicht, das im gesamten Gespräch nicht verschwinden will. „Es ist nicht oft der Fall, dass wir einen Punkt holen. Normalerweise verlieren wir immer, und das auch noch hoch. Deshalb fühlt sich das ganz besonders an.“
Fünf Siege, 372 Niederlagen
Mit seinen Aussagen übertreibt der 23-Jährige nicht. Seit 2001 gibt es den Verein, der seitdem immer in der niedersten Spielklasse Italiens – sprich der 3. Amateurliga – kickt. Und der am Ende der Saison bisher ausschließlich auf dem letzten Platz zu finden war. Das Remis am Sonntag war erst das fünfte Unentschieden der Vereinsgeschichte, dazu gab es fünf Siege – und nicht weniger als 372 Niederlagen sowie 2720 Gegentore.

Spieler und Präsident in Personalunion: Mirco Marchiodi.


Mit solch einer Statistik liegt es auf der Hand, dass der GS Excelsior keine „normale“ Mannschaft ist. „Wir verfolgen eine andere Grundphilosophie: Bei uns sind alle Stammspieler. Wir heißen jeden Willkommen und jeder darf auch spielen, unabhängig von seinen fußballerischen Qualitäten“, sagt Mirco Marchiodi, kurz nachdem er frischgeduscht aus der Mannschaftskabine kommt. Der 43-Jährige ist seit sechs Jahren der Präsident von Excelsior und schnürt auch selbst noch seine Treter. Am Sonntag etwa ackerte er sich in der Verteidigung über 90 Minuten lang ab. „Ein Leistungsprinzip“, führt Marchiodi weiter aus, „gibt es bei uns nicht, und das macht uns einzigartig. Bei uns erhält jeder Spieler – egal ob fußballerisch begabt oder nicht – die gleiche Spielzeit.“

„Mister“ Stefano Petrera (rechts) und sein Assistent Antonio La Cedra bilden seit Jahren das Trainerteam.


Wie das funktioniert, erklärt Stefano Petrera, genannt „Pedro“. Der 48-Jährige – tiefe Stimme, Dreitagebart, smarte Sonnenbrille – ist seit 13 Jahren der „Mister“, also der Trainer, von Excelsior. Eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, gemeinsam mit Co-Trainer Antonio La Cedra die Einsatzminuten der verschiedenen Spieler penibel genau zu erfassen. „Ziel ist es, dass am Ende der Saison alle Spieler gleich viele Minuten gespielt haben. Das hat zur Folge, dass an jedem Sonntag eine andere Formation auf dem Feld steht“, so Petrera, der im Laufe der Saison zwischen 30 und 40 Spieler einsetzt.
„Eine 0:3-Niederlage gegen eine gute Mannschaft ist schon ein kleines Erfolgserlebnis.“ Stefano Petrera

Das bedeutet, dass auch der potenzielle Leistungsträger Mal auf der Bank Platz nehmen muss, während der Fußballanfänger 90 Minuten durchspielt. Defätismus oder gar Resignation breitet sich bei den Spielern ob der vielen Niederlagen aber nicht aus. „Verlieren ist nie schön, aber wir versuchen, uns mit kleinen Sachen aufzubauen. Eine 0:3-Niederlage gegen eine gute Mannschaft ist schon ein kleines Erfolgserlebnis.“
Alter, Herkunft und sozialer Hintergrund sind egal
GS Excelsior ist also ein etwas anderer Verein. 2001 wurde er von der gemeinnützigen Organisation „La Strada – der Weg“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, jungen Männern Ablenkung von Alltagsproblemen, Freude in einer Gemeinschaft und Sport ohne Leistungsdruck zu bieten. Es gibt somit auch Spieler, die aus einem sozial schwierigen Umfeld kommen. Präsident Marchiodi stellt aber klar: „Manche Leute denken, dass wir die Mannschaft der sozialen Problemfälle sind. Das stimmt aber nicht. Wir sind eine Mannschaft wie jede andere auch, mit dem Unterschied, dass wir niemanden ausschließen. Zu uns kann jeder kommen, Alter, Herkunft oder sozialer Hintergrund sind egal.“

Excelsior (in hellblau) im Duell mit Sporting Bolzano.


Wichtig ist dagegen eine andere Sache: Das faire Miteinander. Vor dem Match posieren beide Mannschaften bunt durcheinandergemischt für ein Gruppenfoto, nach dem Spiel bekommen Gegner wie Mitspieler ein belegtes Brot und können im „Terzo Tempo“, der „Dritten Halbzeit“, noch ausgiebig über das Spiel diskutieren. Obendrein ist Excelsior in den vergangenen 20 Jahren 15-mal zur fairsten Mannschaft Südtirols ausgezeichnet worden, hat also am wenigsten Gelbe und Rote Karten gesammelt. „Das macht uns schon stolz“, muss Marchiodi lächeln.
Eine Chance, Geschichte zu schreiben
Bei Excelsior treffen die verschiedensten Menschen aufeinander, die eines vereint: Die Liebe zum Sport, zum Fußball. Das war auch beim eingangs erwähnten Erik Rodriguez so. Er stammt aus Nicaragua, einem Staat in Zentralamerika, der diktatorisch regiert wird. „2018 habe ich in Italien politisches Asyl beantragt und lebe seitdem in Bozen“, erzählt der 23-Jährige, der in der Landeshauptstadt einer Arbeit als Magazineur nachgeht. Schön sei es hier, und auch sicherer, denn „man muss keine Angst haben, wenn man auf die Straße geht oder seine Meinung sagt“, so Rodriguez. Der Fußball ist für ihn essenziell. Seit zwei Jahren spielt er für GS Excelsior. „Die Mannschaft, der Fußball hilft mir, mich zu integrieren“, freut sich der Flügelstürmer.

Erik Rodriguez hat eine bewegende Geschichte hinter sich.


Für ihn und seine Teamkollegen war es jedenfalls keine Woche wie jede andere. Denn Excelsior steht an diesem Sonntag (16 Uhr/Reschenplatz C) vor dem wichtigsten Spiel der Vereinshistorie. Gemeinsam mit Celtic Don Bosco liegen die Bozner punktegleich auf dem letzten Tabellenplatz und könnten sich im direkten Duell auf den vorletzten Rang vorschieben. „Das ist uns in 20 Jahren noch nie gelungen. Das wird ein großes Finale“, strotzt Mister Petrera nur so vor Begeisterung.

Doch so wichtig das Spiel auch sein mag, Excelsior wird seine Grundphilosophie nicht über den Haufen werfen. Deshalb steht auch an diesem Sonntag eine komplett neue Mannschaft auf dem Feld. Ob es ein Tag für die Vereins-Geschichtsbücher wird? Klar ist jedenfalls schon jetzt: Beim Projekt von GS Excelsior gibt es nur Gewinner – und das trotz der vielen Niederlagen.



SPGUVTVP
1. Oberau Juve15140174:442
2. Eggental16122253:1438
3. Blue Stars15102347:1932
4. Multigest15102342:1832
5. Aldein Petersb. B1551930:4116
6. Sporting Bozen1535732:4514
7. Lajen (-1)1542916:3713
8. Celtic Don Bosco15111317:624
9. Excelsior15111313:844



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