RÜCKPASS | Keine Panik auf der Titanic

Im Sarntal liefern sich zwei Teams der 2. Amateurliga eine Schlussphase, die unglaublicher nicht sein könnte. Ist schwer verliebt: Der SportNews-Rückpass.

TATORT 2. Amateurliga: Romantik pur
Ein schneller Döner an der Imbiss-Bude um die Ecke, ein komprimiertes und für uns Sofa-Freunde viel zu strapaziöses Ganzkörperworkout von irgendeinem aufgepumpten Fitness-Youtuber oder einfach zwei rasche Feierabendbier – ja, wenn wir diese Zeilen hier schreiben, fällt uns auf, dass es wirklich nicht einfach ist, sinnvolle Tätigkeiten zu finden, die sich innerhalb von 7.47 Minuten verrichten lassen. Zum guten Glück gibt’s da die 2. Amateurliga. Denn dort haben Sarntal und Gröden am vergangenen Wochenende in diesem kurzen Zeitraum für mehr emotionale Wechselbäder gesorgt als Leonardo DiCaprio und Kate Winslet im 3-Stunden-Heul-Blockbuster Titanic. Immer vorausgesetzt, man hat es mit der Romantik ähnlich gut (oder schlecht) laufen wie wir: Wenig Kitsch, viel Fußball.


Weil der Spannungsbogen nun beträchtlich gedehnt ist und wir eigentlich lange genug um den heißen Brei herumgeschrieben haben, geht’s also zu den Fakten. Sarntal gegen Gröden, dieses Spiel erinnert an das allererste Date mit der netten Vanessa aus der Parallel-Klasse. Ein schüchterner Beginn, doch langsam langsam bricht das Eis und am Ende wird’s ganz schön prickelnd. Bis zur 86. Minute war das Match auf dem Sportplatz im Sarntal zwar umkämpft, doch Tore wollten keine fallen. Und das, obwohl es ein absolutes Spitzenspiel war und Entscheidungs-Potential für den Titelkampf hatte: Gröden führt die Tabelle im B-Kreis an, Sarntal folgt fünf Punkte dahinter auf Platz 2.

Beeindruckendes Foto: Sarntal (in weiß) und Gröden lieferten sich ein spektakuläres Duell. © Sarntal / Social Media


Dann, in dieser ominösen 86. Minute, nahm der Wahnsinn seinen Lauf. Die Sarner schlugen einen langen Pass nach vorne, wo Thomas Kröss – in seinem Tal besser bekannt als Lettnar – die Kugel gekonnter verarbeitete als eine routinierte Eisdielen-Mitarbeiterin und von der Strafraumgrenze mit einem Fallrückzieher das wohl schönste Tor seiner Laufbahn erzielte (siehe oben). 1:0, die rappelvolle Tribüne bebt, die Spieler sind komplett aus dem Häuschen. Das muss doch der Sieg sein – oder nicht? Vier Minuten nach dem Führungstreffer – und somit in der 90. Minute – starteten die Gäste aus dem Grödnertal einen Verzweiflungsangriff, dem der Sarner Torhüter Philipp Nussbaumer mit einer Rettungstat ein Ende setzte. Allerdings traf er dabei nicht nur den Ball, sondern vor allem seinen Gegner. Elfmeter in der 90. Minute!
From Zero to Hero
Es war der sachkundige und erfahrene Luca Foldi, der sich der Aufgabe annahm. Ob am Ende Goalie Nussbaumer, das tosende Sarner Publikum oder doch ein Betreuer der Hausherren – der hinter dem Tor mit Hampelmann-Gesten für Verwirrung beim Schützen sorgen wollte – Grund dafür waren, dass Foldi Nerven zeigte und nicht traf, weiß wohl nicht einmal er selbst. Jedenfalls brachen auf der Sarner Tribüne, aber auch auf dem Feld alle Dämme. Und mittendrin in dieser Jubeltraube war Torhüter Nussbaumer, der mit seiner Doppelparade (nach dem Elfer parierte er auch den Nachschuss) innerhalb von Sekunden vom Unglücksraben zum absoluten Helden avancierte.

Doch das Märchen wäre für Sarntal zu schön gewesen, um wahr zu sein. Und so zwirbelten die Grödner beim darauffolgenden Eckball eine Flanke in die Mitte, die Jonas Runggaldier mit Köpfchen in die Maschen bugsierte und doch noch für das 1:1 sorgte. Während die Gäste ihr Glück kaum fassen konnten, waren die Sarner Spieler am Boden zerstört. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass sich die beiden Mannschaften einen epischen Fight geliefert haben, der die Essenz dieser faszinierenden Sportart offenbarte: Im Fußball ist nichts unmöglich. Oder um es in anderen Worten auszudrücken: Keine Panik auf der Titanic.

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In der Rückpass-Rubrik arbeitet die SportNews-Redaktion regelmäßig besondere und kuriose Ereignisse im Südtiroler Amateurfußball mit etwas Witz und Heiterkeit auf.

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